Hamburg hat gleich zwei Mannschaften in der ersten Bundesliga. Nein, es geht ausnahmsweise nicht um Fußball, sondern um Schach. Der Hamburger Schachklub und St. Pauli gehen schon in die zweite Saison in der stärksten Mannschaftsliga der Welt. Im Vergleich zum Fußball weiß das nur kaum jemand. Tatsächlich spielen in der Schachbundesliga bis auf sehr wenige Großmeister aus China fast alle Topspieler der Welt. Also so, als wären in der Fußballbundesliga praktisch sämtliche Spitzenkicker versammelt, die derzeit in Spanien, England, Italien, aber auch Argentinien und Brasilien spielen. Trotzdem finden die Kämpfe der deutschen Schachbundesliga absurderweise fast ohne Öffentlichkeit statt.
Ausgerechnet Franz Beckenbauer, der mitunter als Stratege auf dem Rasen auftrat, nannte das königliche Spiel verächtlich „Klötzchen schieben“. Dabei spielen aktuell mit Joshua Kimmich, Jamal
Musiala und Leroy Sané gleich drei Schachbegeisterte in seinem Verein. Felix Magath ist bekannt für sein tiefes Verständnis für das Geschehen auf dem Rasen wie auf dem Brett.
Während der Corona-Pandemie galt Schach als „Nahkampfsport“ und fand sich so in einer Kategorie mit Boxen und Judo wieder. Wenn man weiß, dass in Turnierpartien Konzentration, Ausdauer und
Kampfeswille zählen, klingt diese Einordnung nicht mehr ganz so abwegig. Ist Schach zwangsläufig so viel weniger populär als Fußball? Tatsächlich ist das nicht überall so. In Russland und anderen
Staaten der ehemaligen UdSSR ist Schach Volkssport, wie es auch in der schönen wie erfolgreichen Netflix-Serie „Damengambit“ dargestellt wird. Seit Viswanathan Anand zunächst der erste
Großmeister Indiens wurde und Anfang der 2000er Jahre die Weltmeisterschaft gewann, löste er im Mutterland des Strategiespiels einen unvergleichlichen Boom aus. Anders als hierzulande engagieren
sich dort zahlreiche Unternehmen als Sponsoren und es gibt Schachakademien und Talentförderung. Inzwischen ist eine ganze Generation von jungen Indern Anands Vorbild gefolgt und gleich mehrere
zählen zur absoluten Weltspitze, darunter der 19-jährige Weltmeister Dommaraju Gukesh.
Betrachtet man die Unterschiede, so wirken sich einzelne Fehler im Schach meist viel gravierender aus als im Fußball. Gerät Bayern München gegen den FC St. Pauli durch einen krassen Abwehrfehler
in Rückstand, kann es das Spiel noch gut drehen. Würde Schachweltmeister Gukesh in einer Partie seine Dame einbüßen (natürlich nur theoretisch betrachtet, weil ihm das nie passieren würde), hätte
selbst er gegen einen Spieler der ersten Mannschaft des Volksdorfer SK kaum noch eine Chance. Es kann beim Schach vorkommen, dass ein Spieler die Partie komplett dominiert, aber dann durch einen
kleinen Moment der Unaufmerksamkeit alles verliert.
Das macht Schach einerseits sehr reizvoll, kann aber auch richtig grausam sein.
Wie man in einer scheinbar hoffnungslosen Stellung mit einem taktischen Schlag den ganzen Spielverlauf auf den Kopf stellen kann, erlebte der Autor mit viel Glück in einer online-Blitzpartie mit Schwarz gegen den holländischen Internationalen Meister Piet Hopmann. Außer einem Springer an der „Mittellinie“ hatte Weiß in einem Spiel auf ein Tor den Gegner zurückgedrängt, selbst Dame und Turm stehen als letzte Verteidiger nur noch im Torraum. Jetzt gab es nach 23. Se4-f6 mit einem Doppelangriff für die schwarze Dame scheinbar kein Entkommen mehr und mit dem Verlust der stärksten Figur müsste eigentlich alles entschieden sein. Aber besser wäre Se4-d6 gewesen, warum war Sf6 ein schwerer Fehler, und mit welchem überraschenden Konter, eingeleitet mit einem Fernschuss drehte Schwarz den Spielverlauf auf den Kopf?
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