Volksdorfer Schachecke Nr. 48

Achtung Kinder

von Tobias Pahl

Jeder, der sich mit offenen Augen durch den Straßenverkehr bewegt, kennt dieses Warnschild: Ein rot umrandetes Dreieck, auf dem spielende Kinder zu sehen sind. Es weist auf die potentielle Anwesenheit kleiner Mitbürger hin und ermahnt zu umsichtiger Fahrweise. Ich persönlich möchte mich dafür einsetzen, dass ein solches Warnschild künftig auch auf Schachturnieren und in Spielstätten aller Schachvereine angebracht wird, sobald Kinder an den Brettern auftauchen. Warum?  

In unserer Räucherkate ist der Kraftverkehr so überschaubar, wie die Verletzungsgefahr beim Schach. Wir älteren Semester erleiden vielleicht mal einen Hexenschuss beim Versuch, den unter den Tisch gekullerten Bauern aus den Dielen zu pulen. Der tiefere Sinn dieser Warnung wäre ein anderer! Es geht nicht darum, die Kinder vor Gefahren zu schützen, sondern den arglosen Schachspieler vor den Kindern. Zur näheren Erläuterung: Ich spiele nicht gern gegen Kinder! Nicht etwa, weil sie manchmal auf dem Stuhl herumkibbeln oder ihren Teddy auf dem Spieltisch aufbauen, sondern weil sie unberechenbar sind. Lieber würde ich gegen Magnus Carlsen antreten. Da wüsste ich nämlich von vornherein, wie das Ganze ausgeht.

Sitzt man dagegen einem Kind gegenüber, hat man es oft mit einer Wundertüte zu tun. Wertungszahlen (sonst ein guter Richtwert zur Einschätzung der Spielstärke) nützen nichts. Sie haben erst dann einen Aussagewert, wenn schon einige Spiel- und Turniererfahrung vorliegt. Hinzu kommt meine fatale Neigung, Kinder zu unterschätzen.

Beispiel Ende 2024, Turnier in Bad Schwartau:  Ich spielte gegen einen Elfjährigen. Er eröffnete mit 1. e4, ich hielt mit … e5 dagegen und wählte die Russische Verteidigung. Eine solide Wahl eigentlich, doch mein Gegner kannte alle Fallstricke. Ich geriet mächtig unter Druck und schließlich war ich es, der auf dem Stuhl herumkibbelte. Irgendwann war meine Stellung eine einzige Ruine und ich gab entnervt auf. Danach Spielanalyse in der Mensa: „Wer spielt denn noch auf e4 … e5? Diese Eröffnungen habe ich jetzt monatelang geübt….“ Ja, das merkt man. Ich haderte mit meiner Notation und meiner Handschrift, die gegen Ende der Partie immer kryptischer wurde. Aber wer braucht schon eine Notation? „Nein, da hast du den anderen Springer gespielt, großer Fehler….“ Knapp 50 Züge wurden gespielt und mein Gegner konnte die Partie aus dem Gedächtnis heraus nachstellen, ohne einmal auf die Notation zu blicken. Erstaunlich! Ich bin schon froh, wenn ich mittags noch weiß, wie ich morgens an den Ort des Geschehens gelangt bin.  

Im Spätsommer dann die erste Runde des Dähne-Pokals. Mir wurde Gustav zugelost, strahlende acht Lenze alt. Meine Eröffnung: Lehrbuchmäßig, 1-2 Ungenauigkeiten meines Gegners und schnell hatte ich eine vorteilhafte Stellung plus zwei Mehrbauern. Wer Schach spielt, der weiß: Das spielt sich dann wie von selbst. Oder? Wer so denkt, der verliert. Ich dachte so… und verlor. Mein Springer sollte in den Angriff und ich spielte ihn – gedeckt vom Turm – auf eine offene Linie. Der Turm war ungedeckt. Mein Gegner zog seinen Turm auf dieselbe Linie und mir dämmerte so langsam, dass der Zug nicht so schlau war.  Ziehe ich den Springer, hängt der Turm und fällt auch noch mit Schach, lasse ich ihn stehen, kann er noch mal angegriffen werden. Gut decken konnte ich den Springer auch nicht mehr. Genau genommen, konnte ich ihn überhaupt nicht mehr decken. Also verschwand er vom Brett. Einmal derart gepatzt, verliere ich gern den Faden. Ich fing an, herumzuwandern und erzählte einem Mitspieler: „Ich glaube, ich versemmel das Ding. Vielleicht macht er ja noch einen Fehler.“ Machte er nicht, sondern spielte, mit dem Momentum auf seiner Seite, plötzlich wie ein Großer. Nach einem weiteren Patzer von mir war die Partie beendet. Die Worte seines Vaters: „Im Januar habe ich ihm das beigebracht, im Sommer hatte ich schon keine Chance mehr.“ 

 

 

Unser Engagement im Kinder- und Jugendbereich trägt Früchte und in der Räucherkate wimmelt es inzwischen von talentierten Kindern. Unsere Jugendtrainer Jacob, Peter und Stefan haben gut zu tun und vermitteln Wissen, das buchstäblich aufgesaugt wird. Und das Schlimmste ist: Die merken sich das alles auch noch! Ich halte da nicht mehr mit, meine Lernkurve verläuft deutlich flacher. Vielleicht hilft es ja wirklich, unkonventionell zu spielen, um einen jungen Gegner am Brett aus dem Konzept zu bringen. Vielleicht probiere ich das mal aus.

Apropos Magnus Carlsen: Mit 12 Jahren erreichte er den Titel des Internationalen Meisters (IM) und wurde mit 13 Großmeister (GM).