Bereits in früheren Ausgaben bin ich den Spuren nachgegangen, die das königliche Spiel in der Literaturgeschichte hinterlassen hat. Heute möchte ich einen Autor der Weltliteratur vorstellen, dessen Blick auf das Schachbrett mich nicht mehr losgelassen hat: Lewis Carroll und sein Roman Alice hinter den Spiegeln von 1871.
Die Welt ist eine Schachpartie
Lewis Carroll, bürgerlicher Name Charles Lutwidge Dodgson, war nicht nur Geschichtenerzähler, sondern Mathematiker und Logiker an der Universität Oxford. Diese Doppelnatur — Traumweber und Präzisionsdenker — prägt sein zweites Alice-Buch von der ersten bis zur letzten Seite.
Die Grundidee ist bestechend einfach: Die Welt jenseits des Spiegels ist ein riesiges Schachbrett, aufgeteilt in Felder, die durch Bäche und Hecken voneinander getrennt sind. Jede Person in dieser Welt ist eine Schachfigur — die Königin Rot, die Königin Weiß, die Ritter, die Bauern. Und Alice selbst? Sie ist ein Bauer. Ein kleiner weißer Bauer, der sich Feld für Feld nach vorne bewegt, mit dem Ziel, die achte Reihe zu erreichen und zur Königin aufzuwerten.
Carroll legt dem Buch sogar ein tatsächliches Schachdiagramm bei, komplett mit einer Dramatis Personae der Figuren und Anmerkungen zur Partie. Das Buch folgt dieser Partie Zug für Zug — wenn auch nicht immer nach streng orthodoxen Schachregeln, denn Carroll war kein Sklave des Regelwerks, sondern des Erzählflusses. Das Absurde und das Logische sind bei Carroll untrennbar verwoben: Die Welt hinter dem Spiegel wirkt chaotisch und traumhaft — aber sie gehorcht einer verborgenen Ordnung, eben der des Schachs.
Was Carroll damit sagt, ist tiefgründiger als es zunächst scheint. Der Bauer weiß nicht, dass er in einer Schachpartie steckt. Alice erlebt die Welt als verwirrend, sprunghaft, unberechenbar — dabei ist alles streng geregelt. Carroll, der Logiker, stellt die philosophische Frage: Wie viel von dem, was uns als Chaos erscheint, folgt in Wirklichkeit Regeln, die wir nur nicht sehen?
Und dann ist da noch der Moment, auf den alles hinzielt:
Alice erreicht die achte Reihe. Sie wird zur Königin. Die Verwandlung des schwächsten Stücks in das mächtigste — das ist nicht nur Schachlogik, das ist ein Märchenmotiv, eine Heldenreise, eine
Metapher für Reifung und Selbstermächtigung. Carroll hat das Schach nicht illustriert — er hat es zur Struktur des Lebens selbst gemacht.
Bei der nächsten Ausgabe von Schach und schöne Literatur wird es um den Argentinier Jorge Luis Borges gehen.
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