Was ist „Freestyle Chess”? – und warum Spitzengroßmeister diese Schachvariante so gerne spielen.
Über Ostern fand in Karlsruhe mit dem Grenke Chess Open das größte Schachturnier der Welt statt. Über 3.600 Spieler traten in verschiedenen Kategorien und Spielstärkegruppen in neun Runden gegeneinander an. Dabei gewann der junge deutsche Großmeister Vincent Keymer im Freestyle Chess vor dem ehemaligen Weltmeister Magnus Carlsen, dem besten Spieler unserer Zeit, sowie fast der gesamten Weltspitze.
Doch was ist Freestyle und warum lieben es gerade die Topspieler so sehr? Im klassischen Schach sind die ersten sinnvollen Züge bekannt, denn viele solcher Eröffnungen wurden in den letzten zweihundert Jahren erforscht oder seit ca. 25 Jahren mit Computerprogrammen ausführlich analysiert. Oft sind 20 Züge oder mehr schon bekannt, sodass der Spieler mit dem umfangreicheren Wissen oder dem besseren Gedächtnis einen deutlichen Vorteil hat.
Das störte bereits den ehemaligen Schachweltmeister Robert James Fischer aus den USA. Er fühlte sich zudem benachteiligt, da die sowjetischen Spieler in den 1960er- und 1970er-Jahren ihre Analysen teilen konnten. Daher schlug Fischer vor, die Position der Figuren auf der Grundreihe auszulosen – mit zwei Einschränkungen: Der König muss immer zwischen den Türmen stehen, damit eine Rochade möglich bleibt, und die Läufer müssen auf unterschiedlichen Farben stehen. Dadurch ergeben sich immer noch 960 mögliche unterschiedliche Anfangsstellungen, weshalb diese Variante meist Chess 960 genannt wird.
Während ein besserer Amateur- oder Vereinsspieler auch mit bescheidenem Eröffnungswissen eine Reihe von Zügen gegen Großmeister standhalten kann, muss man im Freestyle schon ab dem ersten Zug nachdenken. Denn jede Startposition ist anders – und manche sind sehr tückisch. So kann es ungeschützte Bauern geben und taktische Möglichkeiten, die sich im klassischen Schach allenfalls erst später ergeben, wenn überhaupt.
Diese Herausforderung, keinen ausgetretenen Pfad verfolgen zu können, sondern auf sich allein gestellt zu sein und unbekannte Wege zu erforschen, reizt Spieler aller Stärken, aber ganz besonders die Meister der Weltspitze. Das gilt auch für Magnus Carlsen, den besten Spieler unserer Zeit. Er hat zusammen mit dem Unternehmer Jan Henric Buettner die „Freestyle Chess Grand Slam Tour” ins Leben gerufen. Seit letztem Jahr gibt es diese Spielform auch beim eingangs erwähnten Grenke Chess Open. Damit ist es das einzige Turnier, das auch für Amateure offen ist und bei dem Chess 960 mit regulärer Bedenkzeit gespielt wird.
2025 gewann Carlsen das Freestyle Chess in Karlsruhe überlegen, indem er alle neun Partien gewann. Dieses Mal wurde er nur Dritter hinter Vincent Keymer aus Saulheim bei Mainz und dem französischen Spitzenspieler Maxime Vachier-Lagrave. Keymar gehört zu den zehn besten Spielern der Welt und ist damit der erfolgreichste deutsche Spieler seit vielen Jahrzehnten. Viele trauen ihm zu, sogar Schachweltmeister zu werden.
Wie verrückt und vertrackt Freestyle Chess bzw. Chess 960 von Beginn an sein kann, zeigen die ersten Züge einer Partie zwischen Hikaru Nakamura und Magnus Carlsen. Auf Nakamuras Eröffnungszug b2-b3 antwortete Carlsen mit g7-g5!? Damit bot er der weißen Dame den Läufer zum Schlagen an, was Nakamura aber aus guten Gründen nicht tat. Nach den Zügen 2. Lc1 – b2 Lh8 x b2 und 3. Da1 x b2 Sg8 – f6 stand Weiß etwas besser da. Aber warum nahm er nicht einfach den Läufer?
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